Die Augen weit öffnen

Die Augen weit öffnen Könnten wir das Wunder einer einzigen Blume klar erkennen, so änderte sich unser ganzes Leben. ~ Buddha

Als Kinder suchen wir uns ganz natürlich unsere geheimen Plätze, an denen wir uns aufladen und mit unserem Innenleben verbinden können. Egal, ob es nur ein Platz in uns selbst ist oder ein realer Ort, wo wir alleine sein können – dort zu sein fördert unsere innere Weisheit und stärkt unser Gefühl des Dazugehörens. In eine geheime Welt unter dem Küchentisch abzutauchen, zwischen zwei schützenden Felsen oder unter einem bestimmten Baum im Garten, durchtränkt unsere Seele mit Nahrung und Magie.

Als ich ein Kind war, hatte ich viele geheime Plätze im nahegelegenen Wald, um meine Schätze dort zu verstecken, wo niemand sie finden konnte. Steine, die in meinen Augen Diamanten waren, markierten mein Territorium. Ich war umgeben von Wurzeln, die meine kleinen Elfenfreunde waren. Geschmückt mit Haaren aus goldenem Gras, war ich die Königin der Erde persönlich. Als meine Eltern durch ihre schmerzvolle Scheidung gingen und unser Haus sich in ein Schlachtfeld verwandelte, suchte ich Zuflucht auf einem bestimmten Felsen hinter dem Bootshaus, wo ich stundenlang saß und auf den See schaute. Dieser Felsen war mein loyaler Gefährte, er ermöglichte mir den Raum, wo ich meine Tränen weinen konnte. Er gab mir Kraft und Trost.

In unserem tempogeladenen, so genannten zivilisierten Leben empfinden wir oft, dass wir nicht genug Zeit haben. Sich die Zeit zu nehmen, einfach nur in der Natur zu sitzen, mag unmöglich klingen, aber egal, mit welchen Ausreden wir kommen und egal, wie viele Aufgaben an unseren Ärmeln zerren und unsere Aufmerksamkeit wollen – wir müssen ab und zu eine Pause einlegen, um unseren Verstand und unsere Gesundheit zu erhalten.

Und wenn wir uns danach sehnen, unsere Verbindung zum wilden Weiblichen zu öffnen, müssen wir uns die Zeit nehmen, unseren ganz besonderen Platz (innen oder außen) zu besuchen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Die tiefe Weisheit des Weiblichen wird oft auf einer viel subtileren Frequenz übermittelt als wir es normalerweise in unserer Kommunikation gewöhnt sind, und Empfänglichkeit und Stille sind nötig, um sie aufzunehmen.

Wenn wir uns die Zeit nehmen, uns mit dem Leben von einem eher stillen Raum in uns zu verbinden und mit sanfter Empfänglichkeit zu beobachten und zuzuhören, entdecken wir eine Welt voll pulsierenden Lebens. Es sieht so aus, als hätte die Welt sich selbst aus ihrem Versteck hinter einem zweidimensionalen Vorhang befreit, aber die Veränderung ist tatsächlich nur in uns selbst geschehen.

In einigen indigenen Kulturen ist es eine der wichtigsten Übungen, denselben Platz in der Natur jeden Tag zu besuchen, um die Veränderungen und wechselnden Details über einen längeren Zeitraum zu erforschen. Diese Übung öffnet unsere sensorische Empfänglichkeit so sehr, dass wir die Bewegungen um uns herum wie unsere eigenen fühlen können. Das Universum wird fast ein Farbfilm und alles scheint fließend und pulsierend mit Leben zu sein.

Wenn wir mit uns selbst auf einem tieferen Level als nur durch die geschäftige Aktivität unseres Verstandes verbunden sind, können wir wieder klar sehen. Wir erwecken und kultivieren einen empfindsameren Daseinszustand, auf den unser ganzer Körper mit Enthusiasmus zu leben reagiert.

Meistens leben wir in der nebeligen Welt unseres Verstandes, und wenn wir uns die Natur anschauen, als wäre sie ein Bild, sieht es zunächst so aus, als wenn nicht viel passiert. Aber wenn wir unsere Sinne öffnen, offenbart sich uns das Wunder und die Vernetzung von allem mehr und mehr.

Kannst du ihn hören? Den Ruf der Wildnis? Von Chameli Ardagh


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